Mensch, wohin gehst du mit deinen Hunden?

danke Bea, für deine Gedanken / Zeilen, die ich hier sehr gern einstelle. Es entspricht meinen Beobachtungen, meinen Erfahrungen. Ändern können nur wir alle im einzelnen, indem wir uns bewusst machen, was ein Hund ist, was er möchte und was er braucht. 

Leitfaden für Welpeninteressenten, oder: worauf du beim Bewerben achten musst

«Was möchtest du denn werden, wenn du gross bist?», wer kennt sie nicht, diese Frage aller Göttis, Gotten, Tanten und Onkeln. War deine Antwort: Lokführerin oder Lehrer, lag fortan für dich jedes Jahr entweder ein Zubehör für die Märklin – Eisenbahn oder ein Schulheft mit Malstiften unterm Weihnachtsbaum.

Und wenn du etwas weniger Glück hattest, zog sich das durch bis zur Matura- Feier. Hattest du Verwandte, die sich im Einklang mit deinen Interessen weiterentwickelt haben, waren es dann später eher nice verpackte Banknötli oder ein Sparbuch bei der NSK oder JKD.
Meine Interessen wurden berücksichtigt
Was ich allen Verwandten aber unbedingt zugutehalten möchte: Sie haben mich wenigstens GEFRAGT, was ich werden möchte und mich nicht schon vorgeburtlich in eine berufliche Ecke gedrängt, die mir möglicherweise gar nicht zusagen würde. Hätte ich Aerztin gesagt, wären sie sicher auch auf diesen Berufswunsch sofort eingestiegen und hätten mich mit Puppen und einem Dökterlikoffer versorgt. 
Dein CV als Aushängeschild für einen Welpen
Bei unseren Hunden schaut das doch irgendwie ein bisschen anders aus. Clickst du auf die Wurfseiten und scrollst runter zu den Aufnahmen am Abgabetag der Welpen, siehst du in die Gesichter von strahlenden, in die Kamera lächelnden Menschen, die so einen kleinen niedlichen Fellknäuel in den Armen halten, meistens mit einem kleinen Bildtext dazu: "Klein-Berti" wird in die Rettungshundestaffel gehen". 
Bis du als Mensch überhaupt auf so einem Welpenabgabetag-Foto erscheinst, musst du dich bereits im Vorfeld so richtig ins Zeug gelegt haben. Dein Bewerbungsschreiben sollte mindestens eine Din A4 Seite füllen und dein Lebenslauf muss zwingend mit dem Primarschulabschluss starten und mindestens mit einem höheren Fachschulabschluss gekrönt sein. Schliesslich will man ja wissen, wo «Klein – Berti» hinkommt und ob die neuen Besitzer auch in der Lage sind, die vielversprechenden Talente des oder der Kleinen zielgerichtetund den Anlagen entsprechend zu fördern. 
Und nun folgt auch schon die Gretchenfrage
Dann geht es auf Seite 2 weiter mit der Frage: «Was arbeitest du in Zukunft mit dem Welpen, also: Hund?» Mach nun bloss keinen Fehler und schreib da lapidar hin: «Unser Hund soll ein toller Begleiter in unserem Alltag werden und er wird uns zeigen, woran er Freude hat.» Dann bist du nämlich schon mal subito ausgemustert und aus der Züchterkartei der WelpeninteressentInnen rausgestrichen. Da schleicht sich bei mir ein kleiner Zweifel in den Hinterkopf, wessen Ego du denn bedienen musst: dasjenige des Hundes oder eher das Züchterego?
Wie du richtig und zielführend formulierst 
Meine Formulierungshilfe an dich ist folgende: «Wir sind sehr sportlich und arbeiten mit unserem Welpen schon in der Frühförderung Agility.» Oder: «Wir sind sehr gerne am Wasser und unser Welpe arbeitet später als Wasserrettungshund. Wir gewöhnen ihn schon bald an die Schwimmbrille». Der geht auch gut: « Wir kochen leidenschaftlich gern und unser Welpe arbeitet in der Sparte Trüffelsuche». Als weitere Variante: «Wir sind sehr gerne im Wald und in den Bergen. Wir machen den Jagdschein und unser Welpe arbeitet dann später am Wild.» Ich könnte die «Unser – Welpe – arbeitet – später -Statements» endlos erweitern. Merke Dir: Du bewirbst dich nicht einfach für einen netten freundliche Welpen, sondern du bewirbst dich immer für ein Supertalent, das ganz spezifisch seinen natürlichen Anlagen entsprechend gefördert und trainiert werden muss. Tolle Gene sollen nicht einfach so im Alltäglichen versinken, sondern zu Höchstform auflaufen.  Schliesslich soll der Welpen ja beim Züchter auf der Webseite in spe einen Platz of Fame erhalten: "Gross- Berti" ist Schweizermeister im Bäumeklettern und hat 5x den Titel geholt", oder so ähnlich. Was kümmert das den Hund, wenn er permanent im Leistungsmodus ist und chillen ein Makel ist?
Wie war das denn früher mit solchen Fragen
Wenn ich früher als Jugendliche mit unserem Familienhund spazieren ging, hat mich nie jemand gefragt, was ich denn mit dem Hund arbeite. Auch nicht, aus welcher Zucht das schöne Tier wohl stammt, oder wie seine Eltern und Grosseltern heissen. Oder in welcher Hundesportsparte wir einen Pokal mit nach Hause getragen haben. Wenn sich überhaupt jemand für uns interessierte, waren die Fragen eher alltäglich ausgerichtet: « Wie heisst er denn? Wo gehst du so spazieren? Frisst dein Hund auch gerne Mäuse und gräbt Löcher? Ist er auch so verschmust? Wollen wir ein Stück zusammen gehen mit unseren Hunden?» 
Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand für die Herkunft unseres Hundes interessierte oder ob er ein Prädikat von einer Ausstellung in seinem Lebenslauf hat. Schon gar nicht, ob er auch ein Therapiehund ist, weil er ein so freundliches und aufgeschlossenes Wesen hat. «Therapiehund» war er sicher in unserer Familie, weil er einfach ein sonniger und immer gut gelaunter Begleiter war. Muss man dem Hund deswegen ein Label verpassen? Am besten schon vorgeburtlich? 
Was macht das nun mit all den talentierten Hunden?
Ich bin mir sehr bewusst, dass ich provoziere. Das möchte ich auch. Weil ich finde, die Hundeszene geht in eine sehr bedenkliche Richtung. Da höre ich Aussagen, wie: «Bei Zucht XY musst du dich gar nicht bewerben, wenn du nicht mit deinem Hund arbeiten möchtest.» Und ich sehe dann später etliche aufgeregte Hunde, mit denen die Menschen arbeiten. Mindestens 2x in der Woche Agility oder Begleithund, Dummytraining oder – am liebsten noch UND – Maintrailing, kombiniert mit Dogdance oder Schasu. Die Hunde sind übervoll ausgelastet, wie der Mensch so schön formuliert. Ich nehme Hunde wahr, die nicht selten voll fertig sind. Nervös, unruhig, hibbelig, nicht zur Ruhe kommend. Der Mensch sagt dem dann «arbeitsfreudig und motiviert». 
Ein erfülltes Hundeleben, wie schaut das aus? 
Die Züchter von «Arbeitsrassen» oder von «Therapiehunderassen» sind nicht wenig verantwortlich für diesen Hype, dass ein Hund in einem normalen Familienalltag nicht glücklich und zufrieden sein kann. Sie erwecken den Eindruck, dass ein Angehöriger ihrer bestimmten Rasse nur ein erfülltes Leben hat, wenn er seinem inneren Drang (sie sagen dem natürliche ANLAGEN) folgen kann: Ueber Hindernisse hopsen, Dummies tragen, Menschen therapieren etc. Und aus diesem Grund musst du als WelpeninteressentIn einen Förderungsplan in petto haben, wenn du auch so ein wunderbares Tier in deinem Leben haben möchtest. Wäre ich Züchterin, würde ich mich sehr über Menschen freuen, die im Herzen und im Geist offen sind für ihr neues Familienmitglied. Die ihren Welpen die Welt entdecken lassen, seine Neugier fördern und seiner Experimentierfreude Raum geben. Seine Bedürfnisse erkennen und befriedigen. Seine Persönlichkeit schätzen und respektieren. Sich ob seinen Flausen und Streichen freuen. Seine Liebe und sein Vertrauen wachsen lassen. Ihm nur soviel zumuten, wie er auch zu verarbeiten in der Lage ist. Für ausreichend Ruhezeiten und Entspannung sorgen. Und last but not least: die sich immer bewusst sind, dass ihr Welpe eine eigene Persönlichkeit besitzt. 
Weg der Achtsamkeit mit deinem Welpen
Wenn du diesen Weg der Achtsamkeit gehst mit deinem Welpen, wirst du auch erkennen, woran er Freude hat, welches Hobby ihr später zusammen ausüben möchtet. Du wirst erkennen, wie spannend und herausfordern der ganz «gewöhnliche» Alltag ist; dass Du und dein Hund mit Sicherheit im ersten Lebensjahr mit genau diesem ALLTAG gut AUSGELASTET seid. Und dass dieser ganz gewöhnliche Alltag für euch so viel Tolles zu bieten hat. 

In diesem Sinne: "Fit for live first, then care for a hobby, if your dog likes."

Bea Koti von www.hund-individuell.ch

 

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