Schäfchen zählen

Angefangen hat alles am Ostersonntag. Eine Aue sonderte Schleim ab, und wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass es gar nicht möglich ist, ich hätte vermutet, dass sie gebären möchte. Da ich aber den Bock am 5. Sept. weg gegeben habe, und Schafe bekanntlich 5 Monte tragen, wurde dieser Gedanke gleich verworfen. Unglücklicherweise stürzte ein paar Tage davor die Futterraufe auf sie. Mein erster Gedanke war also, dass sie innere Verletzungen hat. Schleim analysiert und zugleich ( ja, sorry, ich weiss es ist Oster Sonntag ) jemanden vom Tezet Team angerufen. Frau Mele kam schnell. Um sicher zu gehen, musste sie eine Vaginaluntersuchung machen. " Ich spüre zwei Kläueli" ???? Es ist mir unendlich peinlich, aber es ist wirklich nicht möglich. Nach grosser Anstrengung hatten wir zwei tote Lämmli und eine erschöpfte Mutter. :-(  So traurig. Das Rätsel raten ging weiter.....wie ist das möglich??  Als zwei Tage später Dorli beim roundpen lag und versuchte zu gebären, mussten wir sie erst einfangen. Auch dieses Lamm lebte nicht mehr. Wenigstens hat Dorli, im Gegensatz zu Grace, ihr Leben behalten. 

 

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass einer der zugekauften kastrierten Schwarznasen, nicht ordentlich operiert war. Oh Schreck. Der ist viel zu  gross auf unsere doch eher kleinen Damen. 

 

Die Überraschung liess nicht auf sich warten. " Reni " lag in den Wehen. ich setzte mich zu ihr, massierte ihren Bauch und redete ihr zu. Ein Füessli und das Näschen wollten sich durch den engen Gang schieben, erfolglos.  Pierre lief zum Telefon um Hilfe anzufordern. Derweil versuchte ich mich in Geburtshilfe. Als die kleine Zunge des Lammes bereits blau war, konnte ich nicht länger warten. Alles ziehen half nichts....so legte ich mich zu Reni auf den Boden und beatmete die kleine Lammnase im Mutterleib. Dann konnte ich durch den Anus das Hinterköpfchen ertasten, schob mit der einen Hand und mit der anderen zog ich am Beinchen. Nach gefühlten Stunden löste es sich und ich konnte den grossen Buben heraus ziehen. Benji von der Stockrüti, kam angefahren und stellte trocken fest, dass da für ihn ja nichts mehr zu tun sei. Er kontrollierte, ob wirklich kein zweites mehr drin ist, machte mir ein grosses Kompliment  und fuhr zu seinem nächsten " Patienten". 

Das kleine freche Böckli ist riesig, wohlauf hüpft er schon neben seiner Mutter durch die Gegend. 

Eine Woche blieb uns als Pause, dann lag "Chanelle" in den Wehen. Ich rief Herr Goldinger an, da Benji im verdienten WoE war.  " Ich möchte bitte einen Kaiserschnitt, ich habe eine kleine Aue mit einem zu grossen Lamm". Herr Goldinger wollte sich das erst ansehen, dann fuhren wir ins Tezet, wo Herr Koller mit seiner Tochter schon auf uns wartete. Für eine Tierarzt Studentin, die wegen der Cov19 nicht in die Uni darf, war das spannende Weiterbildung. Der Chirurg operierte sicher und exakt, "Chanelle" stand ganz ruhig und liess alles geschehen. Als wir das riiiesige Lamm im Arm hatten, sagte Herr Koller, dass Chanelle das nicht auf normalen Weg hätte gebären können. Puh, gut  gemacht. Sturheit hat schon auch Vorteile ;-) 

 

Ich sage euch, ich habe seit zwanzig Jahren Schafe, hatte etliche Flaschenlämmer und noch drei Geburten, und hatte immer Glück. Keine Komplikationen, fast keine Verluste. Und jetzt gehts los.

 

Eigentlich passt es in das verrückte Programm, dass Chanelle  keine Milch hat , dass ich "Felix" zwingen musste, dass er wenigstens die Biestmilch schluckt. Er weigert sich standhaft aus der Flasche zu trinken. Auf das Euter warme Umschläge, Medis gegeben um Milch anzuregen, stündlich den Kleinen zwangs -ernähren. Felix versucht immer wieder, bei seiner Mami etwas von dem Lebenselexier zu bekommen. Irgendwie muss er doch ganz ganz wenig heraus kriegen, denn von dem was er von mir nimmt, würde er nicht so toll wachsen und munter sein.

 

Wenn ihr schon müde seid, müsst ihr hier das lesen abbrechen, denn es ist noch nicht das Ende ;-) 

 

Dass "lila" nicht mehr lange warten würde, haben wir beim scheren gut gesehen. Als Pierre mich rief, dass es so weit ist, konnte ich sie einfach ein bisschen unterstützen. Sie brachte im Abstand von einer Stunde zwei winzig kleine Lämmli zur Welt. Ich habe noch nie so süsse, kleine Wesen gesehen. Wir installierten die Rotlichtlampe, die drei kamen ins "Gebärzimmer" und hatten so ihre Ruhe.

Wir haben den ganzen Schaf Unterstand  gesichert, denn wir wissen ja, dass wir nächtlichen Besuch vom Fuchs haben. Die ganze Herde muss jetzt halt auch drinnen schlafen, damit wir wirklich gut zumachen können. Guantanamo ist locker dagegen. Nur ist da das Ziel, dass keiner der schweren Jungs ausbrechen kann..... bei uns sollte keiner einbrechen können.

 

Mein fröhliches " guete morge Schäfli" , wurde sofort getrübt, als im Kinder Abteil nur Lila war :-( 

Sie weinte sofort, beklagte sich bei mir, dass ich ihre beiden nicht bringe. Der Fuchs hat beide geholt. Wir wissen nicht, wie und wo er rein kam, auf jeden Fall sind sie weg. Es wird mir jetzt noch schlecht, wenn ich wieder daran denke. Ich bin soooo traurig, meine ganze Woche ist im Eimer, ich bin zu nichts vernünftigem fähig.

 

Wieder einmal mehr, bin ich extrem dankbar um unsere Hunde. Sie verlangen, dass ich meinen Alltag bewältige, sie geben mir Halt und Struktur. 

 

Und immer wieder Sonntags..... nur dass es diesmal Samstag ist :-)

" Crumbel " bekommt ganz allein und ohne Probleme Zwillinge. Sehr herzig kümmert sie sich um die Kleinen, so wie es eben normal ist. 

 


Nur jetzt kommt die Angst, was können wir noch tun als alles verriegeln, mit Strom absichern?? Es gibt nur eines, ich werde bei den Kleinen schlafen und sie bewachen. Gesagt getan. So schlafen Mouvie und ich jetzt schon die dritte Nacht bei den Schafen. Das laute Gewitter letzte Nacht, der Sturm und der prasselnde Regen liessen uns nur noch ein bisschen näher zusammen rücken. ( und so ganz ehrlich gesagt, hatte ich schon ein bisschen Schiss und der Gedanke an mein zu Hause war verlockend. Mouvie fragt, ob die Blitze und der Donner wirklich nicht gefährlich sind ??? Hey, wir beide sind doch Abenteurer, das schaffen wir :-)

Für die Schafe gehören wir schon dazu, sie legen sich ganz ruhig hin und käuen wieder. 

Ja, so nahe liegen Glück und Trauer beieinander. 


Diese unerwarteten Lämmli musste ich mir hart verdienen. Ich hoffe, dass ich ihnen das Schaf Leben geben kann, das sie glücklich macht. Danke an euch alle, Herr Goldinger, Herr Koller, Benji und Manuel, und Frau Mele,  die ihr uns mit Fachkönnen und Verständnis unterstützt habt. 

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